Kinderlähmung (Polio)

„Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam!“ Menschen über 40 kennen diesen Slogan, mit dem bis in die späten 70iger Jahre für die Schluckimpfung gegen Kinderlähmung geworben wurde. Der Einsatz war bitter nötig. Mittlerweise liegt der jüngste Fall hier mehr als 20 Jahr zurück. Größten Anteil daran hat die Polio-Schutzimpfung. Mehr im Ratgeber Kinderlähmung.

Synonyme

Kinderlähmung, Poliomyelitis, Polio, Heine-Medin-Krankheit

Definition

Poliomyelitis Kinderlähmung

Kinderlähmung (Poliomyelitis, kurz Polio) ist eine Viruserkrankung, die durch Polio-Viren verursacht wird. Mediziner bezeichnen diese Erkrankung auch als Heine-Medin-Krankheit.

Bei der letzten großen Polio-Endemie im Jahr 1961 erkrankten alleine in Deutschland mehr als 4.600 Kinder. Demnach waren fast 50.000 Kinder mit Polioviren infiziert. Denn nur 1 Prozent der Infizierten entwickelt die klassischen Symptome der Kinderlähmung. Heute gelten Deutschland und Europa als poliofrei. Das Robert-Koch-Institut (RKI) verzeichnete die letzte Polioinfektion in Deutschland vor mehr als 20 Jahren (1990). Seitdem registriert das RKI nur Einzelfälle, die außerhalb von Europa erworben und nach Deutschland eingeschleppt werden.

Polio auch weltweit vor der Ausrottung

Auch weltweit steht die Kinderlähmung kurz vor der Ausrottung. Vor allem mit Geld der Bill & Melinda Gates Stiftung finanziert die Weltgesundheitsorganisation WHO seit nunmehr fast 30 Jahren eine internationale Impfkampagne mit durchschlagendem Erfolg: Seit 1988 ist die Zahl der Polioerkrankungen um 99,9 Prozent von gut 350.000 auf 359 im Jahr 2014 zurückgegangen.

Einige Mediziner warnen, eine um sich greifende Impfmüdigkeit könne das Ziel gefährden, Polio endlich ganz auszurotten. Außerdem trägt ausgerechnet die Schluckimpfung dazu bei, dass die Polioviren sich unter bestimmten Umständen verbreiten können.

Symptome

Poliomyelitis ist eine Entzündung von Nervenzellen im Rückenmark. Diese Nervenzellen verlieren dadurch mitunter die Fähigkeit, Muskelgruppen zu steuern. Die sich daraus ergebenden Symptome der Kinderlähmung sind je nach Infektions- beziehungsweise Krankheitsverlauf sehr unterschiedlich.

In mehr als 95 Prozent aller Fälle verläuft eine Polio-Infektion ohne Beschwerden. Die Betroffenen bilden nach der Infektion mit den Polioviren Antikörper und sind immun. Mediziner bezeichnen das als stille Feiung.

Akute Symptome von Kinderlähmung

Mitunter gibt es akute Fälle von Kinderlähmung, bei denen es nach einer Inkubationszeit (also der Zeit von der Ansteckung bis zum Auftreten erster Beschwerden) zu einer etwa dreitägigen Allgemeinerkrankung kommt. Betroffene fühlen sich unwohl, haben Fieber und Halsschmerzen, oft auch Durchfall und Erbrechen. Bei mehr als 75 Prozent der Erkrankten ist die Kinderlähmung damit beendet. Mediziner bezeichnen diese Form als abortive (abgekürzte) Poliomyelitis.

Gefürchtet sind die Formen der Kinderlähmung, bei denen das zentrale Nervensystem beteiligt ist. Dort gibt es wiederum zwei Verlaufsformen.

  • Nichtparalytisches Stadium der Kinderlähmung: Bei 5 bis 10 Prozent der Menschen kommt es zu einer Beteiligung von Gehirn und Rückenmark. Dann folgt dem Unwohlseins-Stadium eine fieber- und beschwerdefreie Phase von etwa einer Woche. Im Anschluss daran entwickelt sich eine nicht-infektiöse Hirnhautentzündung (aseptische Meningitis) mit einem erneuten Fieberanstieg, Kopfschmerzen und Nackensteifigkeit. Lähmungen treten jedoch nicht auf. Mediziner sprechen vom nichtparalytischen Stadium der Kinderlähmung
  • Paralytisches Stadium (klassische Kinderlähmung): Bei 1 Prozent der Erkrankten aber entwickelt sich die klassische Kinderlähmung, die die meisten Menschen mit dem Krankheitsbild Polio verbinden. Mediziner sprechen vom paralytischen Stadium. In dessen Verlauf bessern sich die Symptome der Hirnhautentzündung zunächst. Nach wenigen Tagen bis 2 Wochen aber tritt die plötzliche „Morgenlähmung“ ein. Am Vorabend noch völlig gesund erscheinende Kinder liegen morgens schlaff und mitunter völlig regungslos im Bett. Von der Morgenlähmung können nahezu alle Muskeln betroffen sein. Die genaue Ausprägung der Lähmungen hängt davon ab, in welchem Segment des Rückenmarks die Polioviren die Entzündung, die Poliomyelitis, ausgelöst haben. Betroffen sein können beispielsweise die Oberschenkelmuskulatur, die Muskulatur von Rumpf und Zwischenrippenräumen, Harnblase, Mastdarm und sogar das Zwerchfell sowie die Atemmuskulatur.

Selten sind auch Hirnnervenkerne entzündet. Diese bulbäre Poliomyelitis äußert sich in mitunter sehr hohem Fieber, Schluckbeschwerden sowie Atem- und Kreislaufregulationsstörungen. An dieser ernsten Verlaufsform versterben viele Kinder.

Spätschäden

Die Rückbildung der Lähmungen kann Jahre dauern. Bei jedem 2. Kind, das das paralytische Stadium erreicht hatte, bleiben Restlähmungen für immer bestehen.

Post-Polio-Syndrom

Viele Jahrzehnte nach überstandener Kinderlähmung können erneut Komplikationen auftreten. Typische Beschwerden des Post-Polio-Syndroms sind abnehmende Muskelkraft, schnelle Ermüdbarkeit und Schmerzen sowie Muskelschwund, Muskelzuckungen und Krämpfe. Bei Hirnnervenlähmungen sind Sprechschwierigkeiten, ein erhöhtes Verschlucken-Risiko sowie Atemprobleme bis hin zu ständiger Atemnot eine Folge.

Über die Anzahl der Post-Polio-Fälle in Deutschland finden sich verschiedene Angaben. Sie dürfte zwischen 50.000 und 100.000 Fällen liegen. Männer sind dabei häufiger betroffen als Frauen. Die Diagnose des Post-Polio-Syndroms ist oft nicht einfach, da sich die Beschwerden schleichend entwickeln. Zu Beginn sind sie zuweilen von Alterungserscheinungen nicht zu unterscheiden. Außerdem denken viele Ärzte nicht an dieses Krankheitsbild.

Ursachen

Erreger der Kinderlähmung sind Polioviren. Mediziner unterscheiden drei Untertypen, die die Kinderlähmung hervorrufen. Typ I ist Virus Brunhilde (am stärksten lähmungsauslösend), Typ II ist der Lansing-Typ (verursacht eher milde Verläufe), Typ III heißt Leon (ist selten, aber bedingt oft schwere Verlaufsformen). Tückisch dabei ist, dass eine Infektion mit einem der drei Typen nicht vor einer Infektion mit einem der beiden anderen Typen schützt.

Übertragung

Polio-Viren werden bei schlechten hygienischen Bedingungen durch kotverschmutzte Hände oder Gegenstände übertragen und über den Verdauungstrakt aufgenommen (sogenannte fäkal-orale Schmierinfektion). Mitunter sind auch Übertragungen durch Tröpfcheninfektion durch Niesen oder Husten möglich.

Behandlung

Eine direkte und ursächliche Behandlung von Kinderlähmung gibt es nicht. Ärzte können sich leider nur darauf beschränken, die Symptome zu lindern. Bei Schmerzen oder Entzündungen ist das noch vergleichsweise einfach. Hier helfen gängige Medikamente wie Paracetamol, Diclofenac oder Ibuprofen.

Viel komplizierter ist es häufig, die Folgen der Lähmung zu beherrschen und dabei auch ein gutes Maß an Lebensqualität für die Erkrankten sicher zu stellen. Die bulbäre Poliomyelitis beispielsweise geht mit Entzündungen von Hirnnerven einher, die nicht selten die Regulation des Kreislaufes stören. In diesen Fällen muss eine individuell passende Medikation dabei helfen, Herz und Kreislauf zu stabilisieren. Auch die Steuerung der Atmung und die Atemmuskulatur selbst können gestört oder gelähmt sein. Dann sind die Betroffenen – mitunter ein Leben lang – von Beatmungshilfen abhängig. Bei einer Lähmung der Speiseröhre beispielsweise wird künstliche Ernährung notwendig. Diese Beispiele geben nur einen kleinen Ausschnitt der möglichen Einschränkungen durch die Polioerkrankung wieder.

Nachbehandlung in Spezialkliniken

Die Nachbehandlung von Kinderlähmung ist sehr langwierig und sollte in speziellen Kurkliniken erfolgen. Dort erfolgen beispielsweise orthopädische Operationen. Zudem erhält der Patient Hilfsmittel wie orthopädische Schuhe oder einen Rollstuhl. Bei verbliebenen Lähmungen helfen mitunter speziell angefertigte Stützapparate.

Vorbeugung

Die einzige Vorbeugungsmaßnahme gegen Kinderlähmung ist die Polio-Schutzimpfung. Und die ist überaus wirksam. Deutschland und Europa gelten seit mehr als 20 Jahren als poliofrei. Weltweit konnte die Zahl der Erkrankungen seit den späten 80iger Jahren um 99,9 Prozent gesenkt werden. Das nächste Ziel der Weltgesundheitsorganisation WHO: Polio ausrotten, nach Möglichkeit noch bis 2018.

Schluckimpfung kann Polioviren verbreiten

Paradoxerweise steht ausgerechnet einer der Garanten des Impferfolges, die Schluckimpfung, indirekt der Ausrottung von Polio im Weg. Das hat folgenden Hintergrund: Die abgeschwächten Polioviren in der Schluckimpfung können keine Polioinfektion auslösen. In der Hinsicht sind diese Impfstoffe sicher. Aber: Die Polioviren aus diesen Impfungen bleiben nach der Magen-Darmpassage vermehrungsfähig – und gelangen so mit dem Stuhl in die Umwelt. Kommen nun nicht geimpfte Menschen mit diesen Viren in Kontakt, beispielsweise Mütter beim Windeln, Kanalarbeiter oder medizinisches Personal, kann das Poliovirus diese Menschen infizieren. Das hat wiederum 2 Folgen: Diese Menschen können erkranken. Und: Sie scheiden das Virus aus und tragen so zur weiteren Verbreitung bei.

Aus diesem Grund wird die Polio-Schutzimpfung in Deutschland schon lange nicht mehr als Schluckimpfung gegeben. Aktuell werden inaktivierte Viren als sogenannter inaktivierter Poliomyelitis-Impfstoff (IPV) verwendet.

Offizielle Polio-Impfempfehlungen

Die Ständige Impfkommission (STIKO) des Robert Koch Instituts (RKI) empfiehlt die Impfung mit einem inaktiviertem Poliomyelitis-Impfstoff (IPV) für alle Menschen. Die Grundimmunisierung soll idealerweise bis zum 18. Lebensjahr erfolgen. Für Menschen ohne Polioschutz oder unvollständig geimpfte Erwachsene empfiehlt die STIKO die Impfung ebenso wie mindestens eine Auffrischungsimpfung.

Polio-Impfstoffe

Auf dem deutschen Markt gibt es eine Vielzahl von Polio-Impfstoffen. Dabei handelt es sich um Vakzine, die entweder nur vor dem Poliovirus schützen oder um Kombinationspräparate. Die Kombinationspräparate enthalten beispielsweise Komponenten gegen Diphtherie, Tetanus (Wundstarrkrampf) und Keuchhusten (Pertussis). Üblicherweise werden die Kombinationspräparate zur Grundimmunisierung von Kindern eingesetzt, weil diese Impfstoffe die Impfbelastung so gering wie möglich halten.

Impfschema

Bei Verwendung eines Kombinationsimpfstoffes erhalten Säuglinge in der Regel eine erste Impfung im Alter von 2 Monaten. Die 2. und 3. Dosis werden je einen Monat später gegeben. Vierfachimpfungen gegen Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten und Polio erfordern eine vierte Impfung zur Grundimmunisierung im Alter zwischen 11 und 14 Monaten. Auffrischungen werden vor der Einschulung sowie zwischen dem 9. und 17. Lebensjahr empfohlen. Erwachsene mit Grundimmunisierung benötigen für den vollen Schutz gegen alle 4 Erkrankungen alle 10 Jahre eine Auffrischungsimpfung. Bei anderen Impfstoffen sind – je nach Anzahl der Komponenten – 2 oder 3 Impftermine nötig.

Polio: Reise – Impfvorschriften

Die WHO verzeichnet Poliofälle gegenwärtig (Stand November 2016) in Afghanistan, Pakistan und Nigeria. Aktuelle Einzelfälle werden auch aus Guinea, Laos oder Madagaskar gemeldet. Wer in diese Länder reist, sollte schon aus Eigenschutz den Polio-Impfschutz überprüfen und gegebenenfalls nachholen oder auffrischen.

Die WHO empfiehlt allen Staaten mit Polio-Fällen, Einheimischen und Urlaubern mit einem Aufenthalt von mehr als 4 Wochen, für die Ausreise eine Polio-Impfung vorzuschreiben. Ob und wie die Staaten diese Anregung umsetzen, ist nicht bekannt. Sicherheitshalber empfiehlt es sich für Urlauber aber, die Polio-Schutzimpfung in einen internationalen Impfausweis eintragen zu lassen.

Autor: Charly Kahle

Stand: 22.02.2018

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